Der Trauer Raum schaffen
Die Kompetenzstelle Trauer ist seit 2019 eine Anlauf- und Servicestelle für Trauernde und ihre Begleiter*innen. In Zusammenarbeit mit dem Mobilen Hospiz-Dienst der Caritas, der Telefonseelsorge, der Krankenseelsorge, der Pfarr- und Regionalcaritas und dem Bildungshaus St. Benedikt hat sie sich als Drehscheibe und Vernetzungsplattform für Begleitungsangebote, Weiterbildung und Bewusstseinsbildung in Sachen Trauer bestens etabliert.
„Die Kompetenzstelle Trauer ist Anlaufstelle für Trauernde, aber auch für Menschen, die in der Trauerbegleitung tätig sind. Sie geht mit Vorträgen und Studientagungen auch in die Öffentlichkeit, um dem Thema Trauer einen Platz in unserer Gesellschaft zu geben. Denn es ist mit all seinen Facetten leider noch immer ein Tabuthema, über das nur ungern gesprochen wird”, erklärt Gerti Ziselsberger, Leiterin der Kompetenzstelle Trauer. Trauer ist die natürliche Reaktion des Menschen auf Verlusterfahrungen. Viele Menschen, die einen schwerwiegenden Verlust erleben, wünschen sich Begleitung bei ihrem individuellen Trauerprozess. Dieser Prozess braucht Zeit und Raum, damit es gelingen kann, bewusst Abschied zu nehmen, die Trauer mit all ihren Gefühlen anzunehmen, ihr Ausdruck zu geben und schließlich neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Trauernde Menschen wollen dabei in ihrem veränderten Lebensalltag wahrgenommen werden.
„Wenn es in Begegnungen möglich ist, über die oft auch widersprüchlichen Gefühle und Gedanken zu sprechen, erwächst daraus mehr Sicherheit im Umgang mit der Trauer.
Das vermindert die Angst davor, sich ihr auszusetzen”, weiß Gerti Ziselsberger. „Menschen, die bei uns anrufen, können wir oft schon durchs Zuhören helfen.” Sie werden dann an Angebote wie Einzeltrauerbegleitung, Trauergruppen oder das Trauercafé weiterverwiesen.
„Neulich hat mich eine Frau angerufen, deren Oma verstorben ist, und die unsicher war, ob sie ihr Kind zum Begräbnis mitnehmen kann, ob das zumutbar ist. Ich habe sie bestärkt, dass die erste Intuition, ihr Kind mitzunehmen, richtig war. Auch das Kind soll von seiner Uroma Abschied nehmen können.
Wichtig ist, dem Kind alle nötigen Informationen über den Ablauf des Begräbnisses zu geben, es gut darauf vorzubereiten”, erzählt die Leiterin der Kompetenzstelle.
Oft zeigen sich im Laufe solcher Gespräche auch noch andere Lebensthemen, sodass weitere Expert*innen wie etwa die Familienberatung miteinbezogen werden.
Trauern ist die Lösung, nicht das Problem.
Chris Paul
Kompetent begleiten
Die Kompetenzstelle Trauer bietet gemeinsam mit dem Mobilen Hospizdienst der Caritas Einführungskurse und einen Aufbaulehrgang für Trauerbegleitung an. „Um Menschen auf ihrem Trauerweg gut zu begleiten, braucht es eine fundierte Ausbildung und eine beständige Auseinandersetzung mit dem Thema”, sagt Gerti Ziselsberger. „Zugleich sind Vorträge und Workshops in Pfarren und Schulen ein wichtiger Teil unserer Arbeit; sie geben sehr niederschwellig die Möglichkeit, sich dem Thema Trauer anzunähern.” Die Kompetenzstelle Trauer bietet zudem einmal im Jahr einen Studientag für Trauerbegleiter*innen an. 2025 wurde dabei in Kooperation mit der Bertha von Suttner Privatuniversität das Thema „Trauerkulturen im Wandel” aufgegriffen. Wissenschaft und Praxis konnten dabei gut ins Gespräch gebracht werden.
TrauerRaum
Die Kompetenzstelle Trauer hat auch Modellprojekte etabliert, die Zeit, Raum und Verständnis für trauernde Menschen schaffen. Dabei können Menschen ihrer eigenen Trauer begegnen und/oder an der Trauer anderer Anteil nehmen. „Seit 2020 richten wir in den Tagen rund um Allerheiligen einen „TrauerRaum” in einer Zeremonienhalle am Hauptfriedhof in
St. Pölten ein”, erzählt Gerti Ziselsberger. „Der TrauerRaum gibt den Menschen, die in dieser Zeit Gräber besuchen, die Möglichkeit hier innezuhalten und Kraft zu schöpfen. An verschiedenen Stationen darf man einfach da sein, sich Zeit zum Erinnern nehmen, kann bitten, klagen, beten und stärkende Gedanken mitnehmen.” Daneben besteht auch die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit Trauerbegleiter*innen. Mittlerweile haben einige Pfarren diese Idee aufgegriffen und bieten in dieser Zeit ähnliche Trauerräume an. Mittels Texte und Symbolhandlungen wird es in einer angenehmen Atmosphäre möglich, sich mit Trauer und ihren vielfältigen Empfindungen zu beschäftigen.
Gedenkfeier für Suizidverstorbene
Anlässlich des Welttags der Suizidprävention am 10. September veranstaltet die Kompetenzstelle Trauer seit 2020 mit dem Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten und dem Bildungszentrum St. Benedikt in Seitenstetten jährlich eine Gedenkfeier an „für alle, denen das Leben zu schwer geworden ist. Das ist jedes Mal eine achtsame Feier mit sehr berührenden Begegnungen für mich”, erzählt die Leiterin der Kompetenzstelle. Mit einem gemeinsamen Erinnerungsritual, mit Texten, Musik und der Möglichkeit zum Gespräch können Angehörige von Suizidopfern bei diesen Gedenkfeiern ihrer Trauer Raum geben und den geliebten Verstorbenen in der Mitte der Gemeinschaft ihren Platz geben. „Mit dieser Initiative setzen wir bewusst auch ein Zeichen gegen immer noch vielfach vorhandene Stigmatisierungen und Tabuisierungen im Zusammenhang mit Suizid. Hier erleben die Teilnehmer*innen, dass sie mit ihrer Situation und ihrer Trauer nicht alleine sind”, so Gerti Ziselsberger.
Weihnachten ohne dich
„Bestimmte Zeiten im Jahr sind immer wieder eine Herausforderung”, weiß Gerti Ziselsberger. „Gerade zu Weihnachten kann das Fehlen eines lieben Menschen besonders spürbar werden und sich das Fest ,ohne Dich’ seltsam und schmerzlich anfühlen – manchmal auch noch nach Jahren.” Unter dem Titel „Weihnachten ohne dich” sind am letzten Adventwochenende alle Menschen eingeladen, die um jemanden trauern, egal wie lange der Verlust her ist. Eine besinnliche vorweihnachtliche Feierstunde bietet einen geschützten Rahmen für Erinnerung und Trauer. „Die Gemeinschaft mit anderen, die sich gerade in einer ähnlichen Situation befinden, wird dabei als tröstend und ermutigend erlebt”, so Gerti Ziselsberger. Gedanken und Gefühlen dürfen aufkommen, werden aufgefangen und durch symbolische Handlungen ausgedrückt. So werden der Verlust und die Trauer aushaltbarer und das Leben „ohne dich” wieder lebbarer.
Anderen Menschen in ihrer Trauer beizustehen, ist eine selbstverständliche zwischenmenschliche Hilfe, zu der alle gerufen sind. Gleichwohl ist in komplexeren Trauersituationen geschultes professionelles Vorgehen notwendig. Anliegen der Kompetenzstelle Trauer ist es, Trauernden qualifizierte Begleiter*innen anzubieten und zugleich immer mehr Menschen dazu zu befähigen und zu ermutigen, einander angesichts von Verlust und Trauer einfach hilfreich beizustehen. So hat die Kompetenzstelle Trauer seit ihrem Bestehen schon sehr viel für die verbesserte Zugänglichkeit und Bekanntheit von Trauerbegleitung und für eine größere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit auf Trauernde in der Diözese St. Pölten getan.
Zahlen und Fakten
-
138 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen des Mobilen Hospizdienstes begleiteten in 8.745 Einsatzstunden 350 Menschen in der letzten Lebensphase.