Wenn Bildung der Schlüssel ist und ein Anhänger die Tür öffnet

Wenn Christina Peter nach Österreich reist, trägt sie einen großen Koffer bei sich.  Für jede Begegnung hat sie eine Aufmerksamkeit vorbereitet: Jahresberichte ihrer Organisation AWARD, Knabbergebäck aus Pakistan, handgestrickte Schals für  fröstelnde europäische Hälse, eine Schachtel voller Schlüsselanhänger aus dem  AWARD-Berufsausbildungszentrum für junge Frauen in Faisalabad.

Vielleicht, denkt sie, lässt sich damit ja ein kleines Zusatzgeschäft anbahnen – ein zarter Versuch, die Arbeiten der Auszubildenden in die Welt hinauszutragen. Zum dritten Mal schon besucht sie Österreich, und jedes Mal steigt sie im Hotel magdas ab. Nicht aus Zufall. Das Haus wird als Social Business geführt – ein Ort, an dem wirtschaftliches Handeln und sozialer Anspruch ineinandergreifen. 
 

Für Christina Peter ist das nicht nur ein angenehmer Ausgangspunkt, sondern auch ein Labor der Möglichkeiten. Seit Längerem spielt sie mit dem Gedanken, etwas Vergleichbares in Pakistan aufzubauen. Im obersten Stockwerk des AWARD-Berufsausbildungszentrums befindet sich bereits eine Unterkunft für Mädchen, die während ihrer Lehrzeit dort wohnen. Warum, so fragt sich Peter, sollte sich diese Idee nicht erweitern lassen? 
Ein Konferenzraum, ein paar zusätzliche Zimmer, die man vermieten könnte – ein kleines Gästehaus, das Einkommen generiert und dieses wiederum in die Projekte ihrer Organisation zurückfließen lässt. Ein Kreislauf, der Mädchen und jungen Frauen zugutekäme. Und selbstverständlich sollte dieses Gästehaus auch von Frauen geführt werden. 
 

Dass Christina Peters Augen leuchten, wenn sie darüber spricht, überrascht wenig. Seit der Gründung von AWARD verfolgt sie jene Idee, die in Pakistan wie ein Gegenentwurf zum Alltag wirkt: soziale Probleme durch wirtschaftliche Teilhabe lösen. Sie unterstützt Frauengruppen, die sich über Kleinstkredite gegenseitig helfen, und schafft damit Einkommensmöglichkeiten für Frauen. Damit fördert sie deren Position in Familien, in Dörfern, in der Gesellschaft. Sie organisiert Rechtsberatung und Berufstrainings inklusive Erstellung eines Businessplans. Das Berufsbildungszent-rum für junge Frauen, untergebracht im Bürogebäude, platzt mittlerweile aus allen Nähten. 
Ursprünglich war es ein kleines Projekt für angehende Friseurinnen, finanziert von der österreichischen Botschaft. 

Heute gibt es Trainings für zahlreiche Berufe – darunter auch Kurse zur Handyreparatur. Für Frauen ist das in Pakistan besonders sensibel: In der stark männlich dominierten Gesellschaft werden Kontaktdaten und Fotos leicht missbräuchlich genutzt. Die Qualifizierung eröffnet ihnen nicht nur halbwegs gut bezahlte Arbeit, sondern schützt gleichzeitig Kundinnen vor potenziell unangenehmen Situationen. Mit inzwischen rund siebzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist AWARD in ländlichen Regionen ebenso präsent wie am Rand der Millionenstadt Faisalabad. Noch immer wissen manche Frauen nicht, dass sie ein eigenes Bankkonto eröffnen dürfen. Noch immer werden elfjährige Mädchen verheiratet. Bildung, sagt Peter, sei der einzige Weg, der aus solchen Strukturen herausführe – und der am schwierigsten zu betreten ist.

Bildung als Schlüssel zur Entwicklung

Von den sechzig Millionen Kindern und Jugendlichen in Pakistan besuchen 26 Millionen keine Schule. Besonders für Mädchen wird Bildung ab dem zehnten Lebensjahr zum Luxus. AWARD versucht gegenzusteuern, wo immer es möglich ist: bei Vorschulprogrammen für die Ärmsten; in Familien, die unter prekären Bedingungen in staubigen Ziegelfabriken arbeiten, wo auch Kinder mithelfen müssen; mit Zuschüssen für Mädchen, deren Familien die Schulgebühren nicht bezahlen können. Bildung als Schlüssel zur Entwicklung – für Peter ist das keine Floskel, sondern gelebte Gewissheit. Überall dort, wo Mädchen lernen dürfen, sagt sie, sinke die Armut. Bei einem Besuch im Caritas-Shop in der Wiener Mariahilfer Straße leuchten ihre Augen erneut. Die Serie „Schenken mit Sinn” beeindruckt sie, insbesondere ein Paket zum „Women Empowerment” um 25 Euro. Peter kauft eines – als Geste, aber auch als Inspiration. So, denkt sie, könnte es aussehen: ein sinnvolles Geschenk, das zugleich eine Idee trägt. 
Die Übernachtung im Hotel magdas, die Begegnungen, die Eindrücke – all das ist für sie eine einzige Lernreise. Die Schlüsselanhänger aus ihrem Koffer lässt sie beim Management des Hotels zurück. 300 Stück sind bereits bestellt. Bald sollen sie im Shop des Hauses liegen, hergestellt von jungen Frauen in Faisalabad – kleine Stücke Handwerk, die eine größere Geschichte erzählen.
 

Zahlen und Fakten

  • 705 Familien (oder 4.220 Personen) in Pakistan konnten in zwei Projekten mit Nothilfepaketen erreicht werden.

  • 1.500 Kinder erhalten in Pakistan in den von der Caritas unterstützten Programmen Schul- und Lernhilfe.