„Zum Heizen war nichts mehr übrig”

Viele Menschen in Österreich sind durch die Krisen der vergangenen Jahre in Not geraten. Rund 170.000 Niederösterreicher*innen, ungefähr jede*r Zehnte, sind  armutsgefährdet. Das belegen die aktuellen Zahlen der Statistik Austria im Rahmen der EU-SILC- Erhebung. Vor allem Frauen haben ein hohes Risiko, von Armut betroffen zu sein. Rund ein Drittel aller Alleinerziehenden lebt unter der Armutsgefährdungsschwelle. 

Sie zahlen die Miete zu spät. Sie drehen die Heizung im Winter ab. Ihre Kinder können nicht am Schulausflug teilnehmen, sie selbst nicht genug essen. An Kino oder gar Urlaub gar nicht zu denken. Die Rede ist von Frauen. Frauen sind strukturell mehr von Armut betroffen als Männer. Deutlich niedrigere Erwerbseinkommen aufgrund immer noch schlechterer Bezahlung als Männer, eine höhere Teilzeitquote und die Tätigkeit in ‚Niedriglohnbranchen‘ sind die Ursachen. Das Armutsrisiko steigt zusätzlich, wenn Frauen alleinerziehend sind. Am Ende bleiben ihnen geringere Pensionen und die Gefahr der Altersarmut.
Ein Umstand, den wir als Caritas auch in unseren Sozialberatungsstellen bemerken. Seit der hohen Inflation bleibt die Nachfrage nach Hilfe und Unterstützung hoch. Auch im Jahr 2025 waren es an die 12.000 Kontakte, die wir in unseren Sozialberatungs- und Nothilfestellen in der Diözese St. Pölten verzeichneten.

Zwei Drittel der Menschen, die bei uns Hilfe suchen, sind Frauen, fast zwanzig Prozent Alleinerzieherinnen. Eine davon ist Lisa: „Diese Existenzängste, was kommt am nächsten Tag, wie geht es weiter, werden die Kinder genug zu essen haben... darum kreisen ständig die Gedanken”, erzählt Lisa, Klientin bei der Caritas Sozialberatung. Lisa ist über ihre Schwester in Kontakt mit der Caritas-Sozialberatung gekommen, allein hatte sie dazu nicht die Kraft. Ausschlaggebend war damals die Trennung von ihrem Mann, denn danach war sie Alleinerzieherin von drei Kindern. Sie musste mit den Kindern umziehen, was mit erheblichen zusätzlichen Kosten verbunden war. Die Alimente waren nicht geregelt. „Das Geld hat hinten und vorne nicht gereicht, für das Heizen war nichts mehr übrig. Ich bin dann mit den Kindern spazieren oder auf den Spielplatz gegangen und habe immer meine zwei großen Taschen dabeigehabt, um Klaubholz zum Heizen zu sammeln”, erinnert sich Lisa.

Diese Existenzängste, was kommt am nächsten Tag, wie geht es weiter, werden die Kinder genug zu essen haben ... darum kreisen ständig die Gedanken.

Lisa, Klientin

Anfragen in den Sozialberatungsstellen bleiben hoch

„In intensiven Gesprächen haben wir mit Lisa ihre Lage aufgearbeitet”, schildert Caritas-Sozialberaterin Beate Wildthan. „Es gab für Lisa Unterstützung beim Ankauf von Holzbriketts zum Heizen und bei offenen Rechnungen. Besonders wichtig war aber auch die psychosoziale Unterstützung, die Klärung der finanziellen Situation und eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln.” Eine Energiesparberatung erbrachte außerdem weitere Möglichkeiten zur Einsparung beim Haushaltsgeld.

„Aus unserer Erfahrung der vergangenen Monate stellen wir fest: Teuerung, Inflation und hohe Mieten und Energiepreise sind für viele Menschen in Niederösterreich nach wie vor eine große Herausforderung. Und die Zeiten bleiben weiter schwierig. Vor allem, wenn es um die Begleichung von Jahresabrechnungen und hohe Nachzahlungen geht”, erzählt Beate Wildthan. „Wenn man sagt, es gäbe keine Armut in Österreich, dann ist das eine Wahrnehmung, die wir nicht teilen können. Vor allem die vielen Anfragen von Mindestpensionistinnen und Alleinerzieherinnen machen mich in meiner täglichen Arbeit sehr betroffen. 
Es sind vorwiegend alleinstehende Frauen, die mit knapp 1.000 Euro im Monat Miete, Energie und Lebenserhaltungskosten stemmen müssen. Wenn wir dann in der Sozialberatung gemeinsam ausrechnen, wie der Lebensalltag zu bewältigen ist, kommt meist eine Null oder sogar eine Zahlungsunfähigkeit heraus”, so die Sozialberaterin weiter. 
„Ich erinnere mich an eine Familie, die mit vier Kindern in die Beratung gekommen ist. Das Jüngste ist acht Monate alt. In der Wohnung wird mit Strom geheizt. 
Die Angst vor der Jahresabrechnung ist so hoch, dass sie die Wohnung nicht 
beheizen. Nur mit dicker Winterkleidung in der Wohnung kommen Familien wie diese durch den Winter. Es ist furchtbar, dass es so etwas in Österreich gibt.”

 

So hilft die Caritas St. Pölten

Die Sozialberatung.Nothilfe der Caritas der Diözese St. Pölten bietet neben der Beratung auch Soforthilfen in Form von Lebensmittelgutscheinen, Bekleidungsgutscheinen und Unterstützungszahlungen bei Notlagen an. In den Beratungen werden allfällige Rechtsansprüche geprüft und Informationen zu derzeitigen finanziellen staatlichen Unterstützungsmöglichkeiten weitergegeben oder gemeinsam beantragt. Des Weiteren bieten wir auch sozialrechtliche Beratung durch Jurist*innen an. Bekleidungsgutscheine können in den carlas eingelöst werden. In sieben Caritas-Sozialmärkten (soma) ermöglicht die Caritas St. Pölten in Krems, Zwettl, Gföhl, Gars am Kamp, Waidhofen/Thaya, Schrems und St. Leonhard am Forst Menschen mit geringem Einkommen, ihren Lebensmittelbedarf zu decken. Im soma dürfen Menschen einkaufen, die armutsgefährdet sind oder unter der Armutsgrenze leben. Ein Einkaufspass berechtigt zum Einkauf in Haushaltsmengen.
 

Zahlen und Fakten

  • 12.478 Kontakte gab es in der Sozialberatung.Nothilfe sowie der sozialen Rechtsberatung. In Summe wurden 769.212 Euro an Unterstützungsleistungen für akute Notsituationen in Form von Gutscheinen, Mietzuschüssen oder Energiekostenübernahme gezahlt.

  • 92 Haushalte wurden zur Wohnungssicherung kostenlos beraten und die Wohnungen gesichert.

  • Rund 3.000 Personen können mit einem Einkaufspass in 7 Sozialmärkten in Krems, Zwettl, Schrems, Gföhl, Waidhofen/Thaya, Gars und St. Leonhard/Forst einkaufen.